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Nachgedanken Diplom-Kirchenmusiker
Matthias Backhaus Geboren
1961 in Bremen.
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| Am Morgen des 3. Dezember 2009 ist der Kantor der Lukaskirche und Chorleiter des concentus vocalis St. Lukas und des St. Lukas Gospelchores nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin verstorben. Dankbar blicken wir zurück auf die gemeinsame Wegstrecke, die wir - jeder auf seine Weise - mit ihm gegangen sind. Anfang Januar 1991 stieg Matthias Backhaus auf der Fahrt zwischen seinen beiden Hochschulorten Lübeck und Wien so etwa in der Mitte, also in Dresden, aus dem Zug aus und begab sich in das sächsische Landeskirchenamt, um nach einer Kantorenstelle zu fragen. Die Zeichen standen günstig, denn er bekam die Antwort: Gehen Sie hier mal um die Ecke, die Lukaskirchgemeinde sucht einen Kantor. Die Kirchgemeinde griff ohne Zögern zu. Und so war bereits der 15. Januar 1991 Dienstbeginn für Kantor Matthias Backhaus. Mit den ersten zweieinhalb Jahren in seiner ersten Stelle war Matthias Backhaus nicht zufrieden. Im Spätsommer 1993 kam er aus Bad Tölz, wo er vier Wochen als Kurkantor gearbeitet hatte, zurück mit einer Idee: Gründung eines neuen Chores - übergemeindlich und projektbezogen arbeitend. Der Name war schnell gefunden. Einen Concentus vocalis gab es wohl in Wien, aber noch nicht in Dresden. Der erste Probenabend am 8. September 1993 war noch - wie bei der bisherigen Kantorei - ein Mittwoch. Schon eine Woche später wurde der Donnerstag zum traditionellen Probenabend. „Lacrimosa dies illa - tränenreich ist dieser Tag!“ So haben Chorsängerinnen und Chorsänger des des eben gegründeten concentus vocalis St. Lukas am 15. November 1993 unter Matthias Backhaus gesungen. „Lacrimosa dies illa - tränenreich ist dieser Tag!“ Das Mozart’sche Requiem am 15. November 2009 war sein letztes Konzert. „Lacrimosa dies illa - tränenreich ist dieser Tag!“ Das gilt nun vor allem auch für den 3. Dezember mit der Schreckensbotschaft von seinem Tode. Die beiden Eckpunkte, zwischen denen die 16-jährige Arbeit und die Gemeinschaft des Kantors mit dem Chor und dann auch mit dem Offenen Singen und dem Gospelchor eingespannt sind, bilden Mozarts Requiem. Das scheint mehr als ein Zufall zu sein. Mozart, der mit 35 Jahren früh Vollendete, schuf Musik mit Offenbarungsqualität. Der Schweizer Theologe Karl Barth, ein großer Mozartkenner und -verehrer, schreibt in seinem Büchlein über den „Unvergleichlichen“: “Ich bin nicht sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen... Ich bin aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann der liebe Gott besonders gerne zuhört.” Matthias Backhaus war ein begnadeter Musiker und vielen ein Freund und Meister. Als sein Leben so jäh abbrach, stand er im Zenit seines Schaffens. Sein letzter Dienst hier in der Lukaskirche am 22. November war der Gottesdienst zum Totensonntag, den wir ja ganz bewusst als Ewigkeitssonntag begehen. Die erste Begegnung mit Matthias Backhaus und seiner Musik liegt weit zurück. November 1993, Lukaskirche. Ein kalter Novembertag. Frost klirrt. Die Kirche ist bis zum letzten Platz gefüllt. Sogar der damalige Verteidigungsminister Rühe, der zu einem Besuch in der Stadt weilt, hat sich eingefunden. Dunkel färben die ersten Takte des Kyrie aus Mozarts „Requiem“ die stille Kirche. Diese Musik werde wir später selbst oft unter seiner Leitung aufführen, uns immer wieder diesem besonderen Stoff zuwenden, der es mit seinen Tönen, Phrasen, Wendungen vermag, tief in unser Innerstes zu dringen, das wir uns auf keinem anderen Wege zu erschließen im Stande sind. Später wird er uns immer wieder sagen, dass es nicht vordergründig darum geht, musikalisch einen Text zu interpretieren, einen Vers zu vertonen, sondern die Türen weit zu öffnen zu den Affekten und Emotionen, die tief in uns wohnen. Er hat uns gelehrt, wie es gelingen kann, sich einem Werk immer wieder neu zu nähern, so oft wir es auch interpretieren , es dennoch immer wieder neu zu gebären, uns mit ihm und uns selbst auseinander zu setzen, es sich in uns entwickeln zu lassen, jenseits aller gebräuchlichen und tradierten Hörgewohnheiten einen neuen, einen individuellen Zugang zu finden. Wenn es uns gelingt, uns unserer eigenen Seele musikalisch zu nähern, dann leben wir, dann können wir ab und an das Gefühl erahnen, an die Ewigkeit angebunden zu sein. Dies ist ein zutiefst religiöses Gefühl. Matthias Backhaus ist es gelungen, uns dafür Räume zu schaffen. Das Klavier im Probenraum, das Dirigentenpult schienen dabei beständiger Quell von Energie zu sein, von dem er uns mit Leichtigkeit tanzend einen Horizont eröffnete, zu dem es uns zog, der uns drängte, sich auf den Weg zu machen, einer eigenen Spur zu folgen. Unsere besondere Bewunderung gilt dieser immensen Energie, die Matthias Backhaus immer wieder aufwandt und aktivierte, um die unzähligen Aufführungen des heute 16-jährigen Chores zu einmaligen und individuellen Erfahrungen werden zu lassen, die es ermöglichte, Woche um Woche achtzig und mehr Menschen unseres Chores zu anstrengenden Proben zu versammeln, die einen Gospelchor entstehen ließen und die Tradition des offenen Singens – Freude am Musizieren ohne das Ziel einer musikalischen Aufführung. Möglicherweise war es der besondere künstlerische Anspruch Matthias Backhaus´, der Sängerinenn und Sänger, Klavier- und Orgelschüler, Profis und Laien immer wieder zusammenführte, um zu musizieren – ein Anspruch, der interpretatoirschen Wetteifer, Hörgewohnheiten und tradiertes Wissen der Authentizität des Seins unterordnete. Vielleicht ist es die Möglichkeit, aber auch die Herausforderung, unmerklich mit unserem Innersten in Kontakt zu kommen, über uns hinaus zu wachsen und Teil eines Ganzen zu sein. Gerade diese Erfahrungen sind es, die uns heute um einen unwiederbringlichen Verlust trauern lassen und gleichzeitig hoffnungsvoll stimmen, in seinem Sinne dem Leben und Tod zu begegnen. Pf. Rainer Petzold und Tobias Schumann |
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